AGGLOlac – Wie kam es zum Widerstand?

Mit dem Projekt «AGGLOlac» soll in den nächsten Jahren auf dem ehemaligen Expo-Gelände am Bieler und Nidauer Seeufer ein Quartier für 2000 neue EinwohnerInnen entstehen. Damit dort aber auch wirklich einst Wohnungen gebaut werden, wird die Stimmbevölkerung der beiden Städte dem Projekt Ende 2019 erst zustimmen müssen. Noch vor einem Jahr gingen Erich Fehr (Stadtpräsident Biel) und Sandra Hess (Stadtpräsidentin Nidau) davon aus, dass diese Abstimmung problemlos zu gewinnen sei. Alle Ampeln stünden auf grün, verlauteten sie unisono an der Stadtrats-information im Februar 2017. Heute stellt sich heraus, dass dies blauäugig war.

Unterdessen haben sich mit «STOP AGGLOlac» und «Zentralparc» zwei Komitees formiert, die sich gegen die geplante Überbauung wehren. Während «Zentralparc» eher linksalternativ geprägt ist, vereint «STOP AGGLOlac» VertreterInnen des gesamten politischen Spektrums. So ist es nicht überraschend, dass sich unterdessen auch die Parteien vermehrt kritisch äussern: Während die Jungsozialist*innen und die SVP sich schon länger gegen AGGLOlac ausgesprochen hatten, haben Anfang Februar auch die Grünliberalen einen Grundsatzenscheid gegen das Projekt in seiner aktuellen Form gefällt. Weitere Parteien, wie z.B. Grüne und SP, zeigen sich gespalten. Nur die FDP steht ziemlich geschlossen hinter AGGLOlac. Spannend ist insbesondere, dass sich vor allem auch die junge Generation gegen die neue Überbauung wehrt. So lehnen mehr als drei Viertel aller ParlamentarierInnen in Nidau und Biel unter 35 Altersjahren das Projekt «AGGLOlac» ab.

AGGLOlac war schon immer umstritten

Dieser Widerstand kommt nicht überraschend, wenn man die Entwicklung des Projekts seit 2009 betrachtet. Damals hatte Nidau mit dem «expo.park» ein Projekt im Köcher, das sich nicht nur als machbar erwies, sondern auch die Unterstützung der Bevölkerung genoss. Doch kurz vor der Abstimmung brachte der umtriebige damalige Bieler Stadtpräsident Hans Stöckli eine neue Vision ins Spiel. Anstelle des moderaten «expo.park» mit 25’000m² Bruttogeschossfläche solle neu auf 100’000m² ein «Klein-Venedig» entstehen. Politik und Medien nahmen die Vision erst mit Interesse auf, doch kritische Reaktionen folgten auf dem Fusse. So meinte Brigitte Deschwanden Inhelder, damalige Nidauer SP-Fraktionschefin: «Ich denke nicht, dass die Bevölkerung eine so grosse Überbauung gutheissen würde». Mario Cortesi äusserte sich im «Biel Bienne» noch pointierter: «Ein grosskotziges AGGLOlac statt ein innovativer Park zu vernünftigem Preis für alle Menschen, ein Wohnungskonglomerat statt Freiraum für die Bevölkerung und unsere Nachkommen auf der letzten unbebauten Fläche weit und breit.»

Kritiken werden ignoriert

Die Vision von Stöckli war jedoch nicht mehr aufzuhalten. So wurde der «expo.park» beerdigt und das Projekt «AGGLOlac» in Angriff genommen. Kritiken an AGGLOlac prallen an der Projektgesellschaft seither ab. Die Initiative «Publilac», welche zum Ziel hatte die Freifläche am See hinter dem Bieler Strandbad zu schützen, wurde von den Behörden für ungültig erklärt. Beim Mitwirkungsverfahren wurden (nahezu) keine der Eingaben der über 300 Personen und Organisationen im Projekt berücksichtigt. Für Direktbetroffene, wie z.B. die Tennisclubs, die Pontoniere oder die Lago Lodge, welche der Überbauung weichen müssen, zeichnen sich momentan keine wirklichen Lösungen ab. Und auch den Forderungen des unterdessen entstandenen Komitees „STOP AGGLOlac“ begegnete man nur mit sturer Ablehnung.

Grün- und Freiflächen gehen verloren

Was sind die wichtigsten Kritikpunkte? Ein erster Reibungspunkt sind die überrissenen Dimensionen des Projekts, das unterdessen 125’000m² Bruttogeschossfläche vorsieht. Verdichtetes Bauen wird nicht einfach nur mit möglichst viel Wohnungen auf engem Raum verwirklicht. Denn ein wichtiger Grundsatz des verdichteten Bauens ist, dass bestehende Naherholungsräume erhalten und neue geschaffen werden. Schliesslich benötigt eine wachsende Bevölkerung nicht nur mehr Wohn- sondern auch mehr Freiraum. AGGLOlac sieht heute zu wenig Grün- und Freiflächen für die breite Bevölkerung vor: Der kleine Grünstreifen zwischen Strandbad und Siedlung eignet sich bestenfalls als Spazierweg, die Flächen in den Häuserschluchten werden kaum für die Öffentlichkeit nutzbar sein und auch die Schwimmerwiese innerhalb des Bieler Strandbads wird dem Projekt weichen müssen.

Entzug der demokratischen Kontrolle

Weiter steht das Finanzierungsmodell unter Beschuss. Aktuell ist vorgesehen, die Bauparzellen an die Mobimo AG zu verkaufen, obwohl in Biel grundsätzlich Land nur noch im Baurecht abgegeben wird. Mit dem Verkauf wird Land der demokratischen Kontrolle der Bevölkerung entzogen, und von den künftigen Wertsteigerungen würde einzig die Investorin profitieren. Immerhin: Nach einem gemeinsamen Kraftakt von «STOP AGGLOlac» und den Nidauer und Bieler ParlamentarierInnen konnte erreicht werden, dass die Projektgesellschaft nun eine Abgabe im Baurecht prüfen muss. Ob diese Prüfung jedoch nicht zweckentfremdet wird, das Baurecht als nicht durchsetzbar darzustellen, ist völlig offen. Sandra Hess, Stadtpräsidentin von Nidau, liess hierzu verlauten: «Es geht uns darum, darzustellen, welchen Verzicht eine Abgabe im Baurecht bedeuten würde». Die Ergebnisse der Prüfung werden also mit Vorsicht zu geniessen sein.

Verdrängung der Kultur

Auch die schleichende Verdrängung der Bieler Kultur – welche sich insbesondere bei der Coupole abzeichnet – wird mit AGGLOlac fortgeführt. Das Expo-Gelände, auf welchem die Überbauung realisiert werden soll, wurde in den letzten Jahren für verschiedene kulturelle und sportliche Veranstaltungen genutzt. Zu erwähnen sind unter anderem «Cyclope», «Das Zelt», «Sonisphere», das eidgenössische Turnfest oder «BAR.». Das Bedürfnis, einen solchen Standort zur Durchführung ähnlicher Veranstaltungen zu nutzen, wird aufgrund der steigenden Bevölkerungszahl sowie gleichzeitig abnehmender Freiräume nur noch zunehmen. Als offizielle Alternative schlägt die Projektgesellschaft die TISSOT-Arena vor. KulturveranstalterInnen haben dafür jedoch nur ein müdes Lächeln übrig: Die TISSOT-Arena sei für kleinere Veranstaltungen schlicht zu teuer, für grössere Veranstaltungen zu klein und vom Ambiente her in keinster Weise mit dem Seeufer vergleichbar. Doch eine Stadt braucht eine vielfältige Kultur, um für ihre Bevölkerung attraktiv zu bleiben; nur mit monotonen Hochbauten werden keine neuen EinwohnerInnen angezogen.

Was wir uns alles verbauen können

Die Kritiken zeigen, auf was sich das Projekt zurückbesinnen sollte, um die Akzeptanz der Bevölkerung und der Politik zu gewinnen. Es braucht keine riesige Überbauung, sondern ein Quartier, welches in erster Linie den Bedürfnissen der breiten Bevölkerung entspricht. Verdichtung ist grundsätzlich zu begrüssen, doch führt diese alleine nicht zu Lebensqualität. Lebensqualität entsteht da, wo wir Möglichkeiten erhalten, uns zu begegnen und gemeinsam etwas zu gestalten – dazu gehören bewusst gesicherte und gestalte Freiräume. Vergessen wir nicht: Der generelle Erfolg des verdichteten Bauens hängt stark von der Akzeptanz entsprechender Projekte ab. Letzten Endes muss man sich bei AGGLOlac also nicht nur die Frage stellen, ob wir unser Seeufer wirklich so massiv verbauen und damit wertvolle Frei- und Grünflächen für die Bevölkerung verlieren wollen, sondern auch, was uns AGGLOlac sonst noch verbauen könnte.

Dieser Text erschien auch in der Edition 26 von „Vision 2035“ im Februar 2018

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